St. Vegas? Nein Danke!

+++ ERKLÄRUNG VON ST. PAULI SELBER MACHEN ZU KIOSKEN, CORNERN UND EVENTS AUF ST. PAULI +++  St. Paulianer*innen haben heute auf der Reeperbahn Platz genommen, um zu zeigen: Der Kiez bleibt frei und unregulierbar. Alkoholverbote und billige Stimmungsmache gegen Kioske gehen gar nicht – sie dienen nur den Interessen derjenigen, die für die Eventisierung des Kiezes verantwortlich sind und sich nun über die Geister wundern, die sie riefen.
St. Pauli selber machen erklärt:

ST. VEGAS? NEIN DANKE!

Sieben Feststellungen zu Kiosken, Cornern und Events auf St. Pauli.

1. Die Eventisierung und Ballermannisierung von St. Pauli wird mit jedem Sommer unerträglicher. 30 Millionen Menschen besuchen inzwischen jährlich den Kiez und die umliegenden Viertel, angezogen von Events wie dem unsäglichen Schlagermove, absurden Winzerfesten und anderen idiotischen Veranstaltungen. Hatte St. Pauli bis 1996 ganze zwei Großevents – den Hafengeburtstag und den Welt-Astra-Tag –, gibt es inzwischen in der Sommersaison fast im Wochentakt Veranstaltungen zur Bespaßung des meist touristischen Publikums. Es ist schlichtweg falsch, dass der Kiez immer schon eine hochfrequentierte Party- und Saufmeile war.

2. Der Run auf St. Pauli hat auf dem Kiez eine Goldgräberstimmung ausgelöst. Stadtbekannte Spekulanten ebenso wie Grundeigentümer*innen haben seit Jahren Grundstückspreise und Gewerbemieten in die Höhe getrieben, um beim Boom abzukassieren. Die Einrichtung des Business Improvement District Reeperbahn (BID) 2015 war ein weiterer Schritt, den Kiez zu kommerzialisieren. Die Folge: öde Systemgastro, die auf maximalen Durchsatz ausgerichtet ist, kaum Clubs, die mit einem aufregenden Konzept aufwarten können, und zunehmende Leerstände.

3. Einige der Grundeigentümer*innen und Gastro-Akteure, die im Februar auf dem Kiez mit viel Getöse gegen die Kioske demonstrierten, haben diese Entwicklung von St. Pauli zu St. Vegas mit verschuldet. Ihnen geht es mitnichten darum, den Kiez zu „retten“. Sie wollen sich unliebsame Konkurrenz vom Halse schaffen und das Geschäft auf dem Kiez reglementieren. Der BID war hier nur der Anfang. Wohl wissend, dass auf St. Pauli natürlich etliche Anwohner*innen von der Ballermannisierung genervt sind, tun sie nun so, als ob sie auch im Interesse dieser Anwohner*innen handeln würden. Die sind aber nicht so blöd, diese Strategie nicht zu durchschauen. Warum sollten sie die Kiez-Gastronomie verteidigen, die sie seit Jahren nicht mehr besuchen? Es gibt genug Bars und Kneipen rund um den Kiez, in denen sie sich wohlfühlen und die aufgrund eines guten Konzepts die Konkurrenz durch Kioske nicht fürchten müssen.

4. Die wachsende Zahl von Kiosken ist das Symptom dieser Entwicklung, nicht die Ursache. Wenn die Preise steigen, das Gastro- und Club-Angebot aber langweilig ist, trinken die Leute lieber draußen. Und je mehr Leute auf den Kiez drängen, desto größer wird eben die Nachfrage nach Kiosken. Wer darauf setzt, immer mehr Besucher*innen auf die Reeperbahn zu locken, muss sich darüber nicht wundern. Dass auch kleine Läden für die Nahversorgung und Dönerbuden ihren Alkoholverkauf ausweiten, ist bei Mieterhöhungen von 100 und mehr Prozent nachvollziehbar.

5. Das Draußen-Trinken und „Cornern“ ist nicht neu. Schon in den Neunzigern gab es abends lange Schlangen an der Esso-Tanke, die mehr Umsatz mit Getränken als mit echtem Sprit machte. Auch in St. Pauli Mitte, Karoviertel und Schanze hat man mit dem Bier in der Hand draußen gestanden. Doch auch hier gilt: Mit der Quantität ändert sich die Qualität. Der Run auf St. Pauli hat jede Menge Kapalken angelockt, die glauben, öffentliches Pinkeln und Grölen seien ein Ausdruck von Freiheit. Das sagt auch einiges über eine Gesellschaft, die das öffentliche Leben mehr und mehr reglementiert und die Menschen unter Druck setzt, viel Leistung für wenig Lohn zu liefern – erst recht in der jungen Generation, die sich zunehmend von Job zu Job hangeln muss.

6. Ein Alkoholverkaufsverbot für Kioske ab 22 Uhr wird nichts bringen – das ist reine Klientelpolitik. Das einzige, was es bringen wird, sind britische Verhältnisse: So wie Pub-Gänger*innen kurz vor der Sperrstunde noch ein paar Pint bunkern, werden die Nachtschwärmer*innen eben einen Schwung Sixpacks und Schnapsflaschen kurz vor zehn einkaufen und dann trotzdem draußen weiter trinken. Das weiß jeder Kioskbesitzer, der schon lange auf St. Pauli im Geschäft ist. Und das sind übrigens nicht wenige – viele Kioske sind seit jeher Treffpunkte für die Nachbarschaft, und mit dem Verschwinden der Eckkneipen sind sie zunehmend auch Bezugsorte für ältere St. Paulianer*innen geworden.

7. Es gibt keine einfache Lösung. Ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot in Kiosken, Polizeistreifen, eine „Befriedung“ des öffentlichen Raums und eine Gängelung der Kleingastronomie durch das Ordnungsamt sind das letzte, was St. Pauli braucht. Es kann nur darum gehen, den Run auf St. Pauli zu entzerren: Großevents auf die ganze Stadt verteilen, keine weiteren Hotels mehr genehmigen, Airbnb-Wohnungen konsequent stilllegen, St. Vegas absagen. Klar, das wird nicht in ein paar Monaten gelingen. Aber das muss das Ziel sein. Noch ein kleiner Tipp am Rande: Baut erst mal ein paar öffentliche Toiletten. Das würde vielen Gastronom*innen und Anwohner*innen schon das Leben leichter machen.

Hamburg, 5.5.2018

1 Kommentar

  1. Fabse sagt:

    Vielen Dank an die Verfasser*innen dieses Textes!! Eine wirklich angemessene und lesenswerte Darstellung der Situation und gerade deshalb auch eine sehr gute Kritik. Weiter so!! 🙂

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