… vielleicht sind die Dealer alle schwarz – weil man die Weißen nicht sieht?

An dieser Stelle dokumentieren wir ein Flugblatt der Anwohner_innen Initiative Balduintreppe:

Dieses Flugblatt kann und soll breit weiterverteilt werden. Ihr könnt hier das Flugblatt als pdf Datei runterladen, ausdrucken und öffentlich auslegen.


Fragen und Antworten zur Drogenarbeit in St. Pauli Süd:

… vielleicht sind die Dealer alle schwarz – weil man die Weißen nicht sieht?

Der Kriminologe Sebastian Scheerer, ehemaliger Direktor des Instituts für Kriminologische Sozialforschung / Hamburg, schätzte den Anteil des Umsatzes des Straßenhandels an der Balduintreppe am gesamt Drogenhandel auf St. Pauli auf nur rund 5 %.

In seinem Vortrag in der GWA St. Pauli am 12.12.2016 erklärte er diesen geringen Anteil damit, dass es für den wirklich relevanten Drogenhandel wesentlich mehr Mittel und Ressourcen braucht, als den jungen Männern aus Westafrika an der Balduintreppe zur Verfügung stehen. Um Drogen im Kilogramm Bereich aufzubewahren, zu transportieren und umzusetzen braucht es unauffällige Immobilien, Fahrzeuge und Personal. Über all dies verfügen die Straßenhändler nicht.

Und tatsächlich: schaut mensch in die aktuellen Polizeimeldungen zum Thema Drogen, tauchen plötzlich ganz andere Personenkreise und Orte auf, als die an der Balduintreppe stehenden jungen Männer.

Vom 26.4.-31.5.2017:

  • Am 26.4.2017 fand die Polizei im Luisenweg / Hamm eine Cannabisplantage mit 4700 Pflanzen. die sich über zwei Stockwerke eine Industriehalle erstreckte. Allem Anschein nach wurde die Halle schon seit Jahren als Plantage genutzt. Der Hauptbeschuldigte mit dem Vornamen Dirk war bis dahin polizeilich unauffällig.
  • Am Sonnabend den 20.5.2017 beschlagnahmte die Polizei in einem Kleingartenverein in Niendorf eine Marihuana Plantage von 103 Pflanzen, die zwei deutschen Männern (29 und 61 Jahre alt) gehörte.
  • Am 16.5.2017 beschlagnahmte die Hamburger Polizei auf einem Reiterhof in Mecklenburg-Vorpommern mehr als 1525 Cannabispflanzen auf einem Reiterhof, der einem 51 jährigen Niederländer gehört
  • Am 22.5. berichtet das Hamburger Abendblatt vom Fall zweier Mitarbeiter der Kieler Staatsanwaltschaft, die aus der Asservatenkammer Cannabis im Kilobereich entwendet haben sollen.
  • Am 31.5.2017 stoppten Zollfahnder einen Opel Corsa auf der Simon von Uetrecht Straße mir rund 2 KG Heroin an Bord dessen Wert im sechsstelligen Bereich liegen dürfte.

Oder vom 20.2.-27.3.2018

  • Am 20.2.2018 fand die Polizei in einem Reisebus aus den Niederlanden einen unbeaufsichtigten Rucksack rund 1 Kg Kokain mit einem Marktwert von rund 300.000 Euro.
  • Am 24.2.2018 fand die Polizei in einer Mietwohnung im schicken Eppendorf eine Hanfplantage mit bereits verkaufsfertig verpacktem Cannabis.
  • Am 17.3.2018 kontrollierte der Zoll einen Reisebus aus den Niederlanden an der Autobahn-Raststätte ,,Aarbachkate“ auf der A7 in der Nähe von Hamburg, und fand bei einem Reisenden in einer Tasche rund 10 kg MDMA, das einen Marktwert von rund 120.000 Euro hat.
  • Am 27.3.2018 fanden Polizei und Feuerwehr bei dem Versuch der Ursache eines Wasserschadens in Wilhelmsburg auf den Grund zu gehen, in der darüber liegenden Wohnung, 6,7 2 kg verkaufsfertiges Marihuana, 2500 Euro Bargeld und eine komplett zu einer Marihuanaplantage umgebaute 1,5 Zimmer Wohnung vor. Hauptverdächtiger: ein schlafender 33 Jähriger Deutscher
  • Ebenfalls am 27.3.2018 wurden bei einem 62 jährigen Touristen, bei der Einreise am Hamburger Flughafen 3 kg Marihuana in einem Koffer gefunden.

Alle hier genannten Akteure, deren Umgang mit Cannabis den an der Balduintreppe um ein Vielfaches übertraf, können damit rechnen, dass die breite Öffentlichkeit sie nicht im Geringsten mit Drogenhandel in Verbindung bringt. Sie verfügen über Immobilien, einen festen Arbeitsplatz und genügend Geld um die Stromrechnung für die teuren Heizstrahler zu bezahlen – und sie sind Weiß.

All das besitzen die jungen, häufig obdachlosen westafrikanischen Männer an der Balduintreppe, die kaum Chancen auf eine tarifentlohnte Festanstellung haben, nicht. Im Gegenteil: in einer sehr weißen, touristisch geprägten Umgebung fallen sie auf. Nicht nur weil sie möglicherweise mit Cannabis handeln, sondern vor allem weil sie schwarz sind.

Zur Erinnerung: Yaya Jabbi wurde im Januar 2016 im Besitz von 1,65 Gramm Cannabis festgenommen und in Untersuchungshaft verbracht, wo er am 19.2.2016 zu Tode kam.

Anwohner_innen Initiative Balduintreppe

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